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Unterwegs im Unesco-Weltnaturerbe

Mit der Aufnahme des Bettlachstocks als Weltnaturerbe anerkennt die Unesco die Biodiversität dieses Waldes. Auf Erkundungstour mit Ortskennern.

Aufgrund seiner isolierten Lage entwickelte sich auf dem Bettlachstock eine aussergewöhnliche Biodiversität. Bild: zvg

7.11.2021
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Wie so oft hängen ein paar Wolken oberhalb der Jurasüdflanke, als wir uns am Schützenhaus treffen, um den Bettlachstock zu erkunden. Wir, das sind u. a. Revierförster Thomas Studer, Bürgergemeindepräsident Thomas Leimer sowie Peter Jäggi vom Amt für Raumplanung. Bepackt mit Kamera und Fernglas geht es von hier weiter rauf durch das Kerngebiet des Bettlachstockes. Der gesamte Bettlachstock wurde erst dieses Jahr von der Unesco als Weltnaturerbe anerkannt. Eine wichtige Auszeichnung auch für die jahrelangen Bemühungen zum Schutz dieses Gebietes. «Schutzgebiet ist der Bettlachstock tatsächlich schon seit 1985», erklärt uns Thomas Leimer. «Das Reservat war bei seiner Gründung das zweitgrösste Waldreservat der Schweiz und das europaweit grösste Buchenwaldreservat.» Das bedeutet, dass sich hier auf kleinster Fläche eine grosse genetische Vielfalt an Buchen befindet. Manche von ihnen sind schon 200 Jahre alt.

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«Das ist zum Teil der isolierten Lage des Bettlachstocks geschuldet», ergänzt Peter Jäggi, «denn die zwei flankierenden Bäche haben über Jahrtausende durch Erosion eine Art «Inselberg» geschaffen, auf dem sich eine Vielfalt an Flora und Fauna entwickeln konnte. Zudem wurde das Kerngebiet des Buchenwaldes seit 35 Jahren nicht mehr bewirtschaftet.» Durch diese Vielfalt möchten wir nun wandern und starten bei einer alten Linde, die in ihrer majestätischen Erscheinung ein perfektes Einfallstor zum Waldreservat bietet. Wir wandern den alten Stockweg hoch, der jahrhundertelang als Transportweg diente. Eindrücklich führt er mitten durch den urwaldgleichen Wald. So sieht es also aus, wenn die Natur sich frei entfaltet und es keine menschlichen Eingriffe wie Forstwirtschaft oder Brandrodung gibt. Keiner räumt das Holz weg, keiner schneidet Äste ab. Wir steigen über umgefallene Baumstämme, moosbewachsene Steine und gehen abgerutschte Böschungen hoch. 

Kennen den Wald wie ihre Westentasche: Thomas Studer, Thomas Leimer und Peter Jäggi (v. l.). Bild: dom
Kennen den Wald wie ihre Westentasche: Thomas Studer, Thomas Leimer und Peter Jäggi (v. l.). Bild: dom

Helden des Waldes

Irgendjemand hat sich die Arbeit gemacht, auf dem alten Stockweg eine Treppe anzulegen und Steine als Hangschutz oder Wegmarkierung zu legen. Rechts und links des Weges und manchmal mitten drauf zeigen die Protagonisten des Waldes, die sich in unterschiedlichsten Gemeinschaften gruppieren, ihre höchst unterschiedlichen Formen. Man erkennt deutlich, wie das Vorkommen von Wasser und Nährstoffen im Boden das Wachstum beeinflusst. «Das ist dem vielfältigen Standortsmosaik geschuldet», wie uns Thomas Leimer den geologischen Einfluss erklärt. «Am Bettlachstock sind verschiedenste Gesteinsschichten in unterschiedlichen Expositionen bodenbildend. Aufgrund der speziellen Geologie und Geländegestalt finden sich hier alle denkbaren Bodenformen. » Und damit auch alle denkbaren Buchenformen. Gleichen sie am Anfang unserer Wanderung noch hochgewachsenen, schlanken Spargeln, sind sie auf 1000 Metern deutlich gedrungener, breiter, mit mehr Verästelungen.
 

Eine junge Waldgemeinschaft auf dem alten Stockweg. Bild: Peter Jäggi
Eine junge Waldgemeinschaft auf dem alten Stockweg. Bild: Peter Jäggi

Uns fällt auf, dass zwischen den gesunden Bäumen auch immer wieder kranke oder gar tote Bäume stehen. Stimmt etwas nicht mit dem Wald? «Abgestorbene Bäume gehören ganz natürlich zu einem Waldreservat, auch hier darf der Mensch nicht eingreifen», weiss Förster Thomas Studer.» Wir sind diesen Anblick also einfach nicht mehr gewohnt. Nach einem kurzen Stück erreichen wir die Waldökoforschungsstation auf 1040 Metern, wo sich einmal mehr das einzigartige Farbenspiel im Herbst zeigt. Für den Heimweg nehmen wir den neuen Stockweg und kommen an einer Monokultur von Nadelbäumen vorbei. In Reih und Glied mit wenig Platz geben die Nadelbäume ein weniger harmonisches Bild ab. «Glücklicherweise gibt es solche Monokulturen heute nicht mehr», bemerkt Thomas Studer. «Sie sind nicht sehr widerstandsfähig und damit schlecht gegen den Klimawandel gewappnet. » Dem kultivierten Fichtenforst geht es trotzdem einigermassen gut, die Bäume scheinen sich gegenseitig zu helfen, schliesslich sind Bäume soziale Wesen.

Wie es nach der Unesco-Anerkennung nun weitergeht, wird sich zeigen. Da ein solch globales Label teilweise wie ein Magnet wirkt, wird auch das Thema Tourismus eine Rolle spielen. Der müsse aber so sanft wie möglich gestaltet werden. Da sind sich die drei Herren einig.

Der Bettlachstock kann auf gut markierten Wanderwegen zu Fuss erreicht und erkundet werden. Dominique Simonnot