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Die U-Bahn von Härkingen

Die Welt blickt gespannt auf den Solothurner Logistikumschlagplatz. Hier entsteht das unterirdische Tunnelsystem von Cargo Sous Terrain, durch das in Zukunft Waren transportiert werden.

Per Aufzug geht es in Härkingen bald in die Unterwelt. Bilder: zvg

7.11.2021

In zehn Jahren wird unser Frischobst irgendwo im Gäu von einem E-LKW automatisch abgeladen, in einen Aufzug verfrachtet und etwa dreissig Meter unter die Erde geschickt werden, wo es in einem PKW-grossen Wagen Platz nimmt. Das unbemannte Taxi fährt die Früchte dann in Richtung Zürich. Spätestens hier geht es wieder ans Tageslicht und schliesslich in den Einzelhandel. Wer sich unter den Tunneltaxis nun schnell-düsende Zukunftskapseln à la Hyperloop von Elon Musk vorstellt, wird leider enttäuscht. In den Tunneln herrscht 30er-Zone. «Das ist die optimale Geschwindigkeit für den grösstmöglichen Nutzen bei geringstem Verschleiss», weiss Patrik Aellig, Kommunikationsleiter bei Cargo Sous Terrain (CST) AG. «Bei dieser Geschwindigkeit ist das ganze System weniger störanfällig.» Allein die Idee des unterirdischen Beförderungssystems von CST hatte bereits weltweit für grosses Interesse gesorgt. Die konkrete Umsetzung in den nächsten Jahren dürfte weitere Wellen schlagen. «Wir bekommen viele Anfragen aus verschiedenen Ländern und werden tatsächlich schon in einem Zug mit dem Hyperloop genannt», schmunzelt Patrik Aellig. Der amerikanische Visionär Musk möchte damit Menschen per Hochgeschwindigkeit durch Tunnel schicken. Die Schweizer Visionäre beschränken sich vorerst auf Waren. Vielleicht ist das auch erst mal realistischer. Auf jeden Fall konnte das Parlament der Idee einiges abgewinnen und hat sie diesen Herbst abgesegnet. Die Schweiz hat nun wieder ein grosses Tunnelprojekt.

Autonome Wagen transportieren die Waren durch das Tunnelsystem.
Autonome Wagen transportieren die Waren durch das Tunnelsystem.

Es gibt viel zu tun

Spatenstich ist 2026. «So lange braucht es, um das Projekt mit allen Einzelheiten in den geeigneten Rahmen zu bringen», so Aellig. Dazu gehört die geologische Bestimmung genauso wie z. B. die Ausarbeitung technischer Details oder die Implementierung der IT. Der Schutz der Umwelt, des Grundwassers und der Bevölkerung hat oberste Priorität und geht Hand in Hand mit der Wirtschaftlichkeit des Mammutprojektes. Diese muss gegeben sein, sonst wird der Geldhahn zugedreht. Auch muss mit allen Grundstückseigentümern verhandelt werden, auf deren Grundstücke die sogenannten Hubs – die Einstiegs- und Anschlussstellen – geplant werden. Und jeder Hausbesitzer und Landwirt, unter dessen Grundstück die Untertunnelung geplant ist, muss informiert werden. «Für die Landwirtschaft ist der Tunnel nicht relevant, wohl aber für Privatpersonen, die z. B. eine Erdsonde planen», weiss Patrik Aellig. Erdsonden erreichen eine Tiefe von 100 Metern. Da könnte man sich mit den rollenden Warentaxis in die Quere kommen. Es gibt also Konfliktpotenzial und ein grosses Informationsbedürfnis. CST möchte dem gerecht werden und proaktiv auf die ganze Bevölkerung zugehen. Bei der Aufklärung hilft sicher, dass der Gesamtprojektleiter für Technik und Bau, Klaus Juch, selber im Gäu aufgewachsen ist, in der Region Olten wohnt und weiss, was auf Härkingen und das Gäu zukommt und welche Vorteile das Projekt für die gesamte Region bringt.

Der Blick in die Zukunft

2031 ist es dann so weit: Die erste 70 km lange Teilstrecke eines umfassenden Tunnelsystems, das 2045 einmal die Schweiz durchqueren soll, wird eröffnet, die ersten Waren per U-Bahn verschickt. Auf der Strecke zwischen Härkingen und Zürich soll es etwa 10 Anschlussstellen (Hubs) geben, drei davon im Kanton Solothurn, alle drei im Gäu. Diese Hubs ermöglichen das voll automatisierte Beund Entladen der Fahrzeuge. Und hier bringen die Lifte die Waren ins unterirdische Beförderungssystem. Was unten fährt, macht oben Platz. Durch die Entlastung des Warenverkehrs sinken die Lärmemissionen. «Wir haben ausrechnen lassen, dass allein durch die Teilstrecke etwa 20% des LKW-Verkehrs auf der A1 entfällt», so Patrik Aellig. Doch das unterirdische Beförderungssystem ist Teil eines grösseren ganzheitlichen Logistikplans mit integrativen Lösungen auch an den Schnittstellen. Das bedeutet beispielsweise, dass die Fahrzeuge für die Feinverteilung systematisch auf Elektromotor umgestellt werden, um den Lärm weiter zu reduzieren und den CO2-Ausstoss zu minimieren. «Unser aller Ziel ist, den Fussabdruck so gering wie möglich zu halten. Daher ist es wichtig, das System auf langfristigen Einsatz auszulegen, mit wenig Verschleiss, leicht zugänglich und reparierbar.» Wichtig ist auch – so weit dies möglich ist –, die Zukunft zu antizipieren, Prozesse anzupassen und stets zu optimieren. Denn wer weiss, wie unsere Logistik-Zukunft aussieht, wenn im Jahr 2045 der erste unterirdische Transportwagen komplett unter der Schweiz entlang fährt – von Genf bis St. Gallen. Vielleicht fliegen gleichzeitig Transportdrohnen in unsere Einfahrt, um die neuen Schuhe zu liefern. Auf jeden Fall würden dann laut Patrik Aellig – nach heutiger Rechnung wohlgemerkt – 40% der LKWs nicht mehr auf der Strasse fahren. Klingt zu schön, um wahr zu sein? Vielleicht zumindest ein Hoffnungsschimmer, an den wir uns klammern können, wenn wir mal wieder im Verkehrsstau stecken. Dominique Simonnot