Die letzten Monate waren aussergewöhnlich und sicher nicht leicht. Viele rechneten daher im Anschluss an den Lockdown mit einer Welle von psychischen Erkrankungen, ausgelöst und geschürt durch Einsamkeit und Angst. Doch die Welle lässt erstaunlicherweise auf sich warten. Wo Ängste erwartet wurden, kam oftmals Entspannung. Und manche Angststörungen verschwanden sogar in der Coronakrise – zumindest vorübergehend. Wir haben Dr. med. Adrian Fröhlich, Psychiater und Psychotherapeut mit Spezialisierung auf Erschöpfungssyndrom und Burn-out, zu diesem Phänomen befragt.
  

SLB Spar und Leihkasse Bucheggberg AG

Herr Fröhlich, rennen Ihnen nach dem Lockdown nun stressgeplagte Eltern die Bude ein?

Herr Fröhlich: (lacht) Nein, diesen Spagat zwischen Homeoffice und Homeschooling haben die meisten erstaunlich gut hinbekommen. Und für langfristige Schäden war der Lockdown zu kurz.

Was ist mit dem Dichtestress, wenn man wochenlang auf engem Raum zusammenlebt?

Die Paarthematik wird sicher noch ein Nachspiel haben. Vor allem bei Personen, die in Wohnungen ohne Balkon oder Garten zusammengewohnt haben, gab es ein grosses Konfliktpotenzial. Wahrscheinlich wird sich jetzt rausstellen, wer doch nicht zusammenpasst.

Gleichzeitig kommt im Januar oder Februar 2021 der Babyboom.

Das sind die, bei denen es dann gut gepasst hat.

Gewisse Ängste und Sorgen haben sich in der Corona-Zeit allerdings drastisch zugespitzt.

Wirtschaftliche Ängste wie die Angst vor Arbeitslosigkeit, Auftragsverlust oder Bankrott haben anfangs zugenommen, bis der Staat z. B. durch Kreditvergabe Entspannung geschaffen hat. Dazu kamen dann existenzielle Ängste, wenn wir uns mit der eigenen Sterblichkeit beschäftigen müssen. Diese Angst hat vor allem bei älteren Leuten und Leuten, die per se ängstlicher sind, zugenommen.
  


«Der Run auf uns Psychologen ist ausgeblieben. Der Lockdown wurde erstaunlich gut weggesteckt.»


Gab es auch psychologische «Profiteure» der Krise?

Bei unserem Kundenstamm zumindest gab es die. So haben beispielsweise soziophobische oder introvertierte Menschen die Krise eher positiv erlebt. Auch agoraphobe Menschen mussten keine Angst mehr vor Menschenansammlungen haben. Zudem hat vielen die auferlegte Entschleunigung gutgetan. Spannend ist zudem, dass Menschen mit Psychosen die neue Lage nicht massiv paranoid verarbeitet haben. Es gibt zwar Ausnahmen, aber in der Breite kam es bei Psychotikern nicht zu einer Zunahme von Notfallsituationen.

Das Gefühl, gebraucht zu werden und funktionieren zu müssen zum Wohle aller?

Ein Phänomen, das man aus dem Ersten Weltkrieg kennt, als die damals als neurotisch bezeichneten Störungen, darunter die Hysterie bei Frauen und bei Männern die Neurasthenie, damals zwei Modediagnosen, nach Kriegsbeginn drastisch zurückgingen, weil diese gravierendere Probleme hatten. Leider traten an die Stelle von Neurosen dann tatsächliche Ängste hinzu.

Mit Ängsten können manche gelassener umgehen als andere. Woran liegt das?

Das hängt u. a. mit der Erziehung zusammen, ob bzw. wie man gelernt hat, mit Problemen, Krisen umzugehen. Resilienz ist teilweise auch genetisch mitbedingt. So weiss man, dass beispielsweise das kurze Serotonintransportergen mit einer verminderten Robustheit einhergeht und dass solche Menschen rascher depressive Symptome entwickeln als andere und mehr Ängste entwickeln.

Was kann ich tun, um psychisch widerstandsfähiger, also «resilienter » zu werden?

Sich in Selbstgenügsamkeit und Achtsamkeit üben. Positiv denken lernen. Hier können Meditationen helfen. Auch ein stabiles soziales Umfeld ist wichtig. Wenn möglich versuchen, seine Hobbys weiter auszuüben oder Neues ausprobieren. Die Natur, der Wald haben ebenfalls positive Effekte auf Seele und Körper. Hilfe annehmen, aber auch anbieten.

Was haben Sie persönlich getan, um in der Krise positiv zu bleiben?

Ich habe viel Sport gemacht, bin meinen Hobbys nachgegangen, habe viel gelesen, viel geschrieben und mit meiner Tochter diskutiert.

Was empfehlen Sie, wenn eine zweite Welle kommt?

Es ist sicher nicht schlecht, sich jetzt schon an das Thema zu gewöhnen und sich damit auseinanderzusetzen, auch wenn dann doch keine 2. Welle kommt. Wer Angst hat, dem empfehle ich jetzt schon mal ein Gespräch zu suchen oder sich ein paar Bücher zum Thema Umgang mit Angst zu besorgen. Lernen zu meditieren, in einem Kurs, mittels CDs oder Internet.

Ab wann sollte ich mir ärztliche Hilfe suchen?

Wenn der Leidensdruck zu hoch wird, man es nicht mehr aushält und die Umgebung und man selbst natürlich darunter leidet. Interview Dominique Simonnot
   

Weitere Informationen:

Psychiatrischer Notfalldienst Erwachsene
032 627 11 11
Kinder/Jugendliche
032 627 18 00
032 627 17 00