Die Proben finden heute zum ersten Mal nach dem Lockdown statt. Im Zwinglihaus ist Dirigent Ruwen Kronenberg vor dem Eintreffen des Ensembles dabei, die Stühle «coronagerecht » aufzustellen. Was durchaus Vorteile hat, wie er später bei der Probe feststellen wird. Beim Eintreffen der Orchestermitglieder ist die Freude gross, sich wiederzusehen und endlich gemeinsam spielen zu können. «Es waren besondere Monate», so Marcel Tièche, Vizepräsident des Vereins. «Natürlich steht die Musik im Vordergrund, aber man will sich ja auch sehen.» Und gerade in einem Jubiläumsjahr wird auch sehr viel geplant. «Die Serenade am 13. Juni als Sommerauftakt im Stadtpark mussten wir leider absagen. Jetzt konzentrieren wir uns auf die Herbstkonzerte im November. » Der ganze Verzicht der letzten Wochen konzentriert sich in der Leidenschaft beim Spielen und auf die Vorfreude auf das Konzert. Bei Musik geht das. Musik ist ein Ventil. Es darf ein spannendes Konzert erwartet werden. Zusammen mit der Stadtmusik Grenchen und dem «Kindertheater BLITZ Grenchen». Mittlerweile sind auch die restlichen Ensemblemitglieder eingetroffen und haben ihren Platz eingenommen. Man tauscht sich rege aus, schliesslich will man wissen, wie es den Orchesterkollegen die letzten Wochen ergangen ist.
      

Möbel - Märit

Altersdurchmischtes Ensemble  

Vorbereitung für die Probe: Marcel, Sabrina, Rolf und Markus. Bild: D. S.
Vorbereitung für die Probe: Marcel, Sabrina, Rolf und Markus. Bild: D. S.

Danach folgt die typische Kakofonie des Einstimmens. «Wir beginnen mit: Welcher Teil welches Stückes wurde gespielt?» Mit diesen Worten greift Ruwen Kronenberg selbst zu seiner Violine. Seit 2017 dirigiert er als Nachfolger von Daniel Polentarutti das Stadtorchester Grenchen. Kronenberg, der gleichzeitig auch das Jugendsinfonieorchester Solothurn dirigiert, setzte von Anfang an auf eine Verjüngung des Ensembles, um den Nachwuchs und damit die Zukunft des Orchesters zu sichern. «Mittlerweile befinden sich unter den 28 Musikern erfreulich viele junge Mitspielerinnen und Mitspieler.» Diese Verjüngung setzte in seinen Augen eine Anpassung der Konzertliteratur in Richtung leichtere Stücke voraus. Durch mehr Nachwuchs muss das Orchester auch nicht auf professionelle Musiker zurückgreifen und kann Kosten sparen. «Damit sind wir auf einem guten Weg», so Marcel Tièche, der im Orchester die Bratsche spielt und ein grosses Repertoire an Witzen über sein Instrument parat hat. «Noch vor drei Jahren waren wir eine sehr ‹alte› Truppe mit einer Kasse, die noch für zwei Konzerte gereicht hätte. Nun ist meine Hoffnung, dass die jungen Mitglieder sich auch über längere Zeit im Orchester integrieren können und selbst die Führung übernehmen.»


«Mir gefällt die Durchmischung der Leute und das Repertoire. Als grosser Fan von Filmmusik würde ich das gerne mal mit dem Orchester spielen.»

Mathura - 1. Geige


Erfolgreicher Anfang

Immerhin hat das Stadtorchester vor 100 Jahren mit 80 Mitgliedern begonnen. Mit Karl Bock als Dirigenten und Leo Gaugler als erstem Präsidenten startete das Stadtorchester im Jahre 1929 unter dem Namen Orchesterverein. Erfolgreich trotz oder vielleicht gerade wegen der wirtschaftlichen Notlage Grenchens. Denn in die Musik kann man vor der Realität flüchten, sie nimmt einen mit. Ist eine Wohltat für die Seele.


«Wir sind finanziell und strukturell auf einem guten Weg, so dass die jüngere Generation irgendwann die Zügel in die Hand nehmen kann.»

Marcel - Bratsche


Aufgeführt wurde zunächst im prunkvollen Saalbau, wo heute das Kino Palace steht, oder im neuen Bad-Saal an der Bahnhofstrasse. Und erfreulicherweise war der Verein kein elitäres Grüppchen, sondern bildete die Gesellschaft als Ganzes ab – allerdings mit erstaunlich vielen Uhrmachern. Dann kam der Krieg. Und damit die Mobilisierung. Im Mai 1940 wurden 80 Prozent der Orchestermitglieder mobilisiert. Die reduzierte Besetzung hemmte das Orchesterleben. Umso grösser natürlich die Freude, das 25-Jahr-Jubiläum 1945 zusammen mit dem Kriegsende zu feiern.


«Die letzten Jahrzehnte waren aufreibend. Es ging bergauf und bergab. Und der erste Teil von 2020 war seltsam – ich bin froh, alle wiederzusehen. »

Rolf - Kontrabass


Schwungvolle Nachkriegsjahre

Die Nachkriegsjahre waren von einem wirtschaftlichen Aufschwung geprägt, von dem auch das Orchester profitierte. Ein Highlight im Bestehen war sicher das Konzert am 20. März 1955, zusammen mit dem Zürcher Operntenor Max Lichtenegg. Mit dem neuen Dirigenten Wilhelm Steinbeck wurde es 1959 etwas strenger, aber auch professioneller. Und erfolgreicher. Die Anzahl der Mitglieder konnte verdoppelt werden, der Pianist Max Egger wurde engagiert. Weitere Weltstars wie Pierre Fournier, Nikita Magaloff, Rudolf Firkusny und Wolfgang Schneiderhan als Solisten konnten verpflichtet werden. Mit dem Violonisten Yehudi Menuhin wurde wohl der bekannteste Musiker engagiert. Mit ihm und dem Stadtorchester entstand eine enge, freundschaftliche Verbindung. Dem damaligen Präsidenten des Orchesters, Hansruedi Spielmann, ist es zu verdanken, dass Menuhin 1967 zum Ehrenbürger ernannt wurde. Durch das Staraufgebot und die hohe Qualität wurde das Orchester Grenchen zu einem Aushängeschild, und die Presse lobte immer wieder das musikerzieherische Wirken von Wilhelm Steinbeck.


«Ich wollte ins Orchester, um mehr spielen zu können. Zudem finde ich es gut, dass wir so eine gemischte Gruppe sind.»

Céline - 2. Geige


Nachwuchs gefragt

Das Aufkommen der Popkultur, die vor allem die junge Generation in ihren Bann zog, sowie der Generationenwechsel und der Rückgang des alten Mäzenatentums machte dem Orchester Mitte der 70er zu schaffen. Es wurde zunehmend schwieriger, das Orchester in der bisherigen Qualität weiterzuführen. Auf die Demission von Steinbeck folgte Bruno Goetze, der Wert darauf legte, jüngeren Solisten Auftrittsmöglichkeiten zu verschaffen. In den 80er-Jahren zählt das Konzert mit den Pianistinnen Güher und Süher Pekinel zu einem der Höhepunkte, für dessen Einfühlungsvermögen Bruno Goetze viel Lob erhielt. 1991 ging der Dirigent nach Bern, es folgte ihm Rudolf Baumann, der weniger bekannte Stücke ins Programm nahm und die Zusammenarbeit mit jüngeren Kräften fortsetzte. 1993 wurde Rolf Beyeler, der heute noch den Kontrabass im Orchester spielt, Vereinspräsident. Für das Stadtorchester ging es für eine Weile wieder bergauf. Es trotze der Popkultur und wurde ein wichtiger Akteur des Grenchner Kulturlebens und ein fester Bestandteil der Grenchner Musikwochen. Dennoch interessierte sich die junge Generation für andere Dinge. In der Freizeit war fast alles machbar und die neuen Medien ermöglichten weitere Aktivitäten. Damit hatte auch der neue Dirigent Daniel Polentarutti zu kämpfen, der 2010 auf Baumann folgte. Es brauchte unbedingt junge Musiker, denn die hinzugezogenen Profimusiker kosteten viel Geld. Es brauchte wohl erst einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft. Ein Instrument lernen und spielen, braucht Ausdauer, Musse. Beständigkeit statt Kurzlebigkeit sind Dinge, nach denen sich auch junge Musiker immer mehr sehnen. Vielleicht brauchte es auch einen Motivationsschub, einen Motor, der das Stadtorchester in die richtige Richtung schiebt. Vielleicht kam dieser 2016 in Form des Kulturpreises der Stadt Grenchen. Auf jeden Fall geht es seit drei Jahren wieder bergauf. Dominique Simonnot

www.stadtorchester.ch
       

Nächste Konzerte

• 14. November 2020 - Herbstkonzert, zusammen mit der Stadtmusik Grenchen und dem «Kindertheater BLITZ Grenchen»
• 15. November 2020 - Kinderkonzert, 15 Uhr, zusammen mit dem «Kindertheater BLITZ Grenchen»